Ungewöhnliche Zeiten – Ungewöhnliche Maßnahmen

Wir erstellen momentan Onlineformate für Fortbildungen, Austauschforen oder Beratungsangebote. Außerdem bieten wir ab sofort Einzel-Konfliktberatungen und Mediationen über Videokonferenz an. Melden Sie sich dafür bitte per Mail an mediation@ikm-hamburg.de. Wir freuen uns, dass wir den Infoabend zu unserer Herbst-BASIC Mediationsausbildung nun erstmals digital stattfinden lassen. Aktuelle Infos dazu und zu den weiteren Online-Angeboten veröffentlichen wir in den nächsten Wochen immer aktuell auf unserer Homepage.

Anstelle eines klassischen ikm-Newsletters senden wir heute einen längeren inhaltlichen Text zur Konflikteskalation momentan zuhause. Eine Kurzversion können Sie hier im ZDFheute Interview mit Katty Nöllenburg nachlesen.

Gleichzeitig produktives Home-Office und wertvolles Home-Schooling, umrahmt von Gesundheitssorgen, Existenzängsten und Kontrollverlust. Plus harmonische Familienzeit? Das funktioniert nicht! Wir plädieren als Vorbeugung von Konflikt-Eskalationen zuhause den Anspruch an sich selbst und den Druck auf sich und andere Familienmitglieder zu verringern. Konflikte sind normal und in Ordnung. Lasst uns unter diesen Extrembedingungen versuchen, sie nicht eskalieren zu lassen und vor allem die im Streit Unterlegenen zu schützen. Es gibt keine Heilmittel oder allgemeingültigen Erfolgsrezepte zur Deeskalation. Hier jedoch einige pragmatische Tipps an die Erwachsenen im Haushalt, damit die besonders erschwerten Bedingungen zuhause nicht zur Konflikt-Eskalation bis zu hin zu Gewalt führen. Zivilcourage sollte durch den Corona-Virus stärker als je sein.

Die Wahrscheinlichkeit von Konflikt-Eskalation zu Hause steigt
In jeder lang andauernden zwischenmenschlichen Beziehung gibt es ganz bestimmte Konfliktmuster. Gerade Paare, die sich schon viele Jahre oder Jahrzehnte kennen, wissen genau welche Eigenschaft des Partners oder der Partnerin einen schon immer wahnsinnig gemacht hat. Auch mit den Kindern gibt es bestimmte Konfliktdynamiken, die sich immer wiederholen und Eltern zur Weißglut bringen können. Im normalen Alltag schlummern diese Konfliktdynamiken oft im Hintergrund. Entweder umgehen wir sie durch Ablenkung oder aktiver Verdrängung oder sie werden selten, dafür gebündelt ausgetragen. Zu welchem Ausmaß die Konfliktaustragung eskaliert, unterliegt dem momentanen Grad der sozialen und emotionalen Kontrolle beider Konfliktparteien.

Wir befinden uns zurzeit in einer gesamtgesellschaftlichen Extremsituation. Je nachdem, wie wir mit Stresssituationen umgehen, reagieren wir besorgt, frustriert, lethargisch bis panisch über die zunehmenden Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens.  Hinzukommt, dass die gewohnten Ablenk- und Ausweichmöglichkeiten deutlich geringer geworden sind. Dies lässt die schon existierenden Konfliktmuster in Familien, die sich über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut haben, sehr stark an die Oberfläche treten. Die Nerven liegen blank und damit schwindet die lebens-lang aufgebaute soziale und emotionale Kontrolle. - Die Wahrscheinlichkeit von Konflikteskalation steigt deutlich an.

Wer von zuhause arbeiten muss, um die Existenz der Familie zu sichern, kann nicht gleichzeitig mit dem Kind intensiv Mathe üben. Besondere Umstände brauchen besondere Maßnahmen. Alle müssen sich innerhalb der Wohngemeinschaft umstellen und sich mehr entgegen kommen als üblich. Wenn gerade ein wichtiges Arbeitstelefonat stattfinden soll oder auch aus anderen Gründen die Nerven blank liegen, sollten die Kinder auch mal „außer der Reihe“ etwas Süßes essen, Fernsehen oder Tablet spielen dürfen. Strukturen, Orientierung und geregelte Tagesabläufe sind selbstverständlich wichtig für Kinder aller Altersgruppen. Wenn deren Einhaltung und das Abarbeiten des Schulmaterials jedoch momentan zum Dauerkampf und Konflikteskalation führen, sollten mehr Flexibilität, Verhandlungsspielräume und Belohnungssysteme als unter normalen Umständen bedacht werden.

Code-Wörter und Exit-Strategien – ALLE sind durch Eskalation gefährdet
Es ist ratsam, in der Wohngemeinschaft ein Codewort zu vereinbaren, wenn das Überschreiten der eigenen Frustrationsgrenze gefährlich nah kommt. Jede*r sollte für sich selbst einen Notfallplan erstellen, was genau ihr*ihm akut unter diesen eingeschränkten Bedingungen hilft, wenn die eigene „Hutschnur“ zu Platzen droht: Kann ich alleine in das Nebenzimmer gehen, eine*n Freund*in anrufen, laut über Kopfhörer Musik hören, duschen gehen, etwas kochen, Sport machen oder einfach mal kurz alleine rausgehen. Jeder*m tut etwas anderes gut. Mit Kindern sollte genauso ein Codewort vereinbart werden. Sie können es nutzen, wenn ihnen die Atmosphäre der Erwachsenen zu aggressiv wird oder als Signal, dass der Streit mit den Geschwistern gleich komplett entgleitet. Es könnte etwas Offensichtliches sein wie: „Das ist mir gerade zu viel!“ oder etwas Abwegiges wie „Rakete“. Diese Exit-Strategien sollten in der Wohngemeinschaft besprochen und gegenseitig akzeptiert werden. Konflikte können nicht vermieden werden, aber hoffentlich deren Eskalation.

ALLE Familien und Wohngemeinschaften sind in den nächsten Wochen gefährdet, dass Konflikte im Wohnraum deutlich mehr als üblich eskalieren. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben im Alltag sozialpädagogische, psychologische oder psychiatrische Unterstützung. Die meisten Unterstützungssysteme wurden nun kurzfristig eingestellt. Es werden unter Hochdruck Alternativen entwickelt, dennoch ist für viele der eh schon schwer aushaltbare Alltag nun besonders herausfordernd.

Wo viele Menschen auf beengtem Raum leben, sind die Absprachen und Exit-Strategien natürlich deutlich schwerer als in Wohngemeinschaften mit mehr physischen Rückzugsräumen. Das gilt sowohl für Privatwohnungen, wie auch für Unterkünfte z.B. für Geflüchtete.

Von Konflikteskalation und Gewalt zuhause sind genauso die Familien gefährdet, die viel Wohnraum und Absicherungen haben und deren Möglichkeiten und Privilegien normalerweise sehr hoch sind. Sie sind es nicht gewohnt, sich bei gesellschaftlichen Entscheidungen, in der persönlichen Bewegungsfreiheit, im Konsum oder in Entspannungsmöglichkeiten einschränken zu lassen. Die Ansprüche sind oft gewohnheitsmäßig überdurchschnittlich hoch, die emotionale Kontrolle dadurch zurzeit ungewohnt belastet. Marginalisierte, nicht-privilegierte Gruppen haben seit jeher Überlebensstrategien entwickeln müssen und können notgedrungen meist besser auf unvorhersehbare Unsicherheiten adaptieren, sind flexibler und sind es häufig mehr gewohnt, untereinander solidarischer zu sein.

Konfliktprävention durch Ablenkung und Wiederaufbau der Sozialkontakte
Wie immer ist unser Handlungsspektrum in der Konfliktprävention deutlich größer, als wenn wir akut intervenieren zu müssen. Am Sinnvollsten ist, die eigene emotionale und soziale Kontrolle, sowie die Ablenkungsdynamiken jetzt besonders zu stärken und den neuen,  zeitlich begrenzten, Bedingungen anzupassen. Auch braucht es neue Aushandlungsprozesse zwischen den Familienmitgliedern, da die gewohnten impliziten und expliziten Umgangsregelungen nun von außen strukturell verändert wurden. Es ist sehr ratsam, sowohl individuelle Tagespläne, wie auch Familienpläne zu gestalten: Wie viele Gemeinschaftsaktivitäten sollen stattfinden? Wann werden „produktive“ Aufgaben erledigt? Wann einfach mal entspannt? Und für die Konfliktprävention am Wichtigsten: Wann und wie kann jede*r täglich zumindest kurz ganz für sich sein? Ohrstöpsel oder Kopfhörer sollten für alle bereit liegen. Wir sind noch am Anfang der Einschränkungen des Direktkontakts. Jetzt sind neue Formate der Verabredungen gefragt, um sich mit anderen austauschen und Frust auch gegenüber den Mitbewohner*innen abbauen zu können. Freitag abends 20 Uhr mit Freund*innen verabreden zum Video-Chat ersetzt nun den gemeinsamen Lokal-Besuch. Gemeinsam gleichzeitiges Gucken eines Films ersetzt momentan den Kino-Besuch. Digital werden Lesungen und Konzerte übertragen, zu denen man sich verabreden kann. Sportangebote und Hobbies für zu Hause für alle Altersgruppen werden täglich neu erfunden und sind kostenlos im Netz abrufbar. Die Kreativität der Menschen weltweit kommt dieser Tage umso mehr durch Social Media zur Geltung und ist eine wichtige Stärkung der eigenen Frustrationstoleranz.

Häusliche Gewalt: Zivilcourage in Zeiten der Corona-Einschränkungen
Zivilcourage ist durch den Corona-Virus nicht eingeschränkt. Wer Konflikteskalation beobachtet oder befürchtet, dass jemand Gewalt erfährt, sollte sich bemerkbar machen, mögliche Opfer und Unterlegene ansprechen, gegebenenfalls auch gemeinsam mit anderen. Das ist einfacher, wenn ich aus dem Fenster im „Corona-Abstand“ mit zehn verschiedenen Nachbarn sprechen kann, als wenn ich im Einfamilienhaus sitze und dadurch die soziale Kontrolle stark eingeschränkt ist. Wer sich um die Sicherheit anderer sorgt, sollte die Polizei anrufen.
Betroffene finden akute Unterstützung bei der Polizei -110, beim kostenlosen Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ - 08000/116 016, der Telefonseelsorge – 0800/1110111 oder der Nummer gegen Kummer (für Kinder und Jugendliche)- 0800 / 111 0 333.

Aktuelle Meldungen

Momentan gehen wir davon aus, dass im Herbst 2020 unsere BASIC Mediationsausbildung wie geplant starten kann. Der Infoabend ist für ein gegenseitiges Kennenlernen gedacht. Wir vermitteln in den 1 ½ Stunden die Inhalte und den Rahmen der Ausbildung, die Teilnehmer*innen lernen das Ausbildungsteam kennen und können Fragen stellen.
Zur Zeit arbeiten wir daran, diese drei Aspekte in einem Online-Angebot umzusetzen.

English version

We are currently creating online formats for further training, exchange forums or consulting services. In addition, we now offer individual conflict counselling or mediation via video conference. Please register for this service by e-mail to mediation@ikm-hamburg.de. We are pleased to announce that the information evening for our BASIC mediation training in autumn will be held digitally.. The latest information on this and other offers will be published on our homepage.

Instead of a classic ikm newsletter we now send a longer text about the current situation and conflict escalation at home. You can read a short version of the text here in the ZDFheute interview with Katty Nöllenburg.

At the same time productive home office and valuable home schooling, framed by health worries, existential fears and loss of control. Plus harmonious family time? That does not work! As a prevention of conflict escalation at home, we plead for a reduction of the demands on oneself and the pressure on oneself and other family members. Conflicts are normal and in order. Under these extreme conditions, let us try not to let them escalate and, above all, to protect those who are inferior in the dispute. There are no remedies or universal recipes for de-escalation. Here, however, are some pragmatic tips for adults in the household, so that the particularly difficult conditions at home do not lead to an escalation of conflict or even violence. Civil courage should be stronger than ever due to the corona virus.

The probability of conflict escalation at home is increasing
In every long-lasting interpersonal relationship there are very specific patterns of conflict. Especially couples who have known each other for many years or decades know exactly which characteristic of their partner has always driven them crazy. There are also certain conflict dynamics with the children, which can repeat themselves again and again and make parents furious. In normal everyday life these conflict dynamics often slumber in the background. Either we avoid them by distraction or active repression, or they are rarely dealt with in a bundled way. The extent to which the conflict escalates depends on the current degree of social and emotional control of both conflict parties.

We are currently in an extreme situation in society as a whole. Depending on how we deal with stress situations, we react worried, frustrated, lethargic or panicky about the increasing restrictions in public and private life.  In addition, the usual possibilities for distraction and avoidance have become significantly less. This makes the already existing patterns of conflict in families, which have built up over years and decades, very much come to the surface. The nerves lie bare and thus the social and emotional control built up over a lifetime dwindles. - The probability of conflict escalation increases significantly.

Anyone who has to work from home to ensure the existence of the family cannot practice intensive math with the child at the same time. Special circumstances require special measures. Everyone has to adapt within the shared apartment and be more accommodating than usual. If there is an important work phone call to be made or if nerves are shot to pieces for other reasons, the children should be allowed to eat something sweet, watch TV or play tablet "out of order". Structures, orientation and regular daily routines are naturally important for children of all ages. However, if their observance and the processing of school material currently leads to constant fighting and escalation of conflicts, more flexibility, room for negotiation and reward systems than under normal circumstances should be considered.

Code words and exit strategies - ALL are at risk of escalation
It is advisable to agree on a code word in the flat-sharing community if crossing your own frustration threshold comes dangerously close. Everyone should draw up an emergency plan for themselves, which will help them acutely under these limited conditions when their "hat string" threatens to burst: Can I go into the next room alone, call a friend, listen to music loudly over headphones, take a shower, cook something, do sports or just go out by myself for a moment? Everybody does something else well. With children a code word should also be agreed upon. They can use it if the atmosphere of the adults becomes too aggressive for them or as a signal that the quarrel with the siblings is about to slip away completely. It could be something obvious like: "This is too much for me right now!" or something outlandish like "rocket". These exit strategies should be discussed and mutually accepted in the shared apartment. Conflicts cannot be avoided, but hopefully their escalation.

ALL families and flat-sharing communities are in danger of conflicts escalating much more than usual in the next few weeks. Many children, teenagers and adults have socio-pedagogical, psychological or psychiatric support in their everyday life. Most support systems have now been discontinued at short notice. Alternatives are being developed under high pressure.

Where many people live in cramped conditions, the arrangements and exit strategies are of course much more difficult than in shared flats with more physical space for retreat. This applies both to private apartments and to accommodation, e.g. for refugees.

Families are also at risk from conflict escalation and violence at home, as they have a lot of housing and security and their possibilities and privileges are usually very high. They are not used to being restricted in social decisions, in personal freedom of movement, in consumption or in relaxation possibilities. The demands are often habitually above average, and emotional control is therefore currently unusually strained. Marginalised, non-privileged groups have always had to develop survival strategies and are often forced to adapt better to unforeseeable uncertainties, are more flexible and are often more used to showing solidarity with one another.

Conflict prevention through distraction and rebuilding social contacts
As always, our scope of action in conflict prevention is much wider than if we had to intervene acutely. The most sensible thing to do now is to strengthen one's own emotional and social control, as well as the dynamics of distraction, and to adapt to the new, temporary conditions. New negotiation processes between family members are also needed, since the usual implicit and explicit rules of behaviour have now been structurally changed from outside. It is very advisable to create individual daily plans as well as family plans: How many community activities should take place? When will "productive" tasks be completed? When simply relaxing? And most importantly for conflict prevention: When and how can everyone be on their own for at least a short time every day? Earplugs or headphones should be available for everyone. We are still at the beginning of the limitations of direct contact. Now new formats of appointments are needed to exchange information with others and to reduce frustration, also towards the roommates. Friday evening 8 p.m. with friends for a video chat replaces the common visit to the restaurant. Watching a film together at the same time is currently replacing a visit to the cinema. Readings and concerts are transmitted digitally, and you can make appointments to attend them. Sports activities and hobbies at home for all age groups are reinvented daily and can be accessed free of charge on the Internet. The creativity of people around the world is being shown to its fullest advantage through social media these days and is an important boost to one's own tolerance for frustration.

Domestic violence: civil courage in times of corona restrictions
Civil courage is not limited by the corona virus. Anyone who observes the escalation of conflicts or fears that someone will experience violence should make themselves known, address potential victims and inferiority, if necessary together with others. This is easier if I can talk to ten different neighbours from the window in a "corona distance" than if I sit in a single-family house and social control is severely restricted as a result. If you are concerned about the safety of others, you should call the police. Those affected can find acute support from the police-110, from the free "Violence against women" help line - 08000/116 016, telephone counselling - 0800/1110111 or Number against sorrow (for children and young people)- 0800 / 111 0 333.

 

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